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„Springen die Menschen im Reich der Mitte zugleich auf“, sagt ein chinesisches Sprichwort, „erzittert die Erde“. Eine moderne Abwandlung könnte heißen: Machen alle Chinesen gleichzeitig eine 40-Watt-Birne an, benötigen sie die Elektrizität von 50 Atomkraftwerken! Seit sich China nach dem Beschluss des 3. Plenum des 11. ZK von 1978 einem Turbokapitalismus ohnegleichen unter kommunistischer Tarndecke verschrieben hat, muss das Land aufgrund der gigantischen Stromnachfrage neue Wege gehen. „Reich werden ist glorreich“, erklärte damals Deng Xiaoping, und ich kann überall sehen, wie das Land seine Doktrin in Sieben-Meilen-Stiefeln umsetzt.


Deshalb spielt China jetzt seine Trümpfe neu aus: Mit 676 Gigawatt besitzt das Land das größte hydroenergetische Potential der Welt. Fotovoltaik und Windkraft stehen ebenso hoch im Kurs. Für einen ARTE-Themenabend untersuchen wir, was mit erneuerbaren Energien getan wird, damit im Reich der Mitte die Lichter nicht ausgehen, wenn seine Bewohner sie anmachen.
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In Bu Li Tai Su Mu, einer 200-Seelen-Gemeinde in der Inneren Mongolei, tauchen Langnasen selten auf. Wir werden verwundert angestarrt. So muss es Marco Polo ergangen sein. Noch vor wenigen Jahren lebten diese Menschen als Nomaden. Dann verbot Peking den Nomadismus per Gesetz. Offizieller Grund: Die Herden würden das spärliche Gras abfressen, was der Grund für die Sandstürme sein soll, die Chinas Hauptstadt heimsuchen. Der inoffizielle Grund ist derselbe wie auf der ganzen Welt: Sesshafte sind leicht zu kontrollieren


Die Gastfreundschaft der Mongolen ist umwerfend. Wir müssen essen und vor allem trinken, bis die Leber jammert. Das tun wir auch tapfer, bis nach Drehschluss das ultimative Besäufnis beginnt. Am nächsten Morgen starren dicke Köpfe auf ein mongolisches Frühstück: Kalter Hammel mit Buttertee. Das weckt die Geister.

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Dass wir überhaupt hier drehen dürfen, grenzt an ein Wunder. Schließlich befinden wir uns in einem militärischen Sperrgebiet, im Grenzgebiet der Inneren zur Äußeren Mongolei. Ich kann mir in diesem unendlichen Land gut vorstellen, wie mongolische Reiterheere einst über die Steppen jagten. Heute findet man dagegen kaum noch Pferde. Die Männer wechselten vom Sattel aufs Motorrad, sind sesshaft geworden, hüten Schafe und Ziegen.

Wie zum Beispiel Ba Ta er. Der Schaffarmer lebt da, wo Himmel und Erde sich küssen. Seit kurzer Zeit genießt er die Annehmlichkeiten von Strom aus Wind- und Sonnenkraft. Das kostete ihn umgerechnet 1.200 Euro. Ein Drittel zahlte der Staat, zwei Drittel er selbst in zwei Jahresraten. Drei Jahre genießt er kostenlosen Reparaturservice. Mit den 500 Watt Leistung, 200 aus Sonnen- und 300 aus Windenergie, kommt er gut über die Runden. „Früher hatten wir nur Kerzen und Öllampen“, erzählt er mir. „Pro Jahr schlachteten wir 14 Schafe für den Eigenbedarf, heute sind´s nur noch 4, dank dem Eisschrank. Ganz wichtig für meine Farm ist auch der aktuelle Wetterbericht im Fernsehen.“ Das kann ich bestätigen, als plötzlich Iwan´s eisiger Atem über die Steppen pfeift, und wir kurz darauf im Schneetreiben stehen.

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Siziwang Qi ist eine Stadt wie aus dem Wilden Westen. Ein emsiger Bienenkorb, zehn Kilometer hinter dem Ortsschild hört die Teerstraße auf. Doch fleißige Hände treiben sie schon weiter Richtung Westen. Ohnehin erscheint mir das Heer chinesischer Arbeiter endlos. Auf dem Weg nach Hohhot, der quirligen Hauptstadt der Autonomen Provinz Mongolei, kommen wir an einem Autobahnbau vorbei. Zehntausende graben, teeren, bauen Brücken und Viadukte, schaufeln Sand. Ein ähnliches Bild finde ich bei Inner Mongolia Tian Li Mechanical Ltd. Co., einer Fabrik, die Windkraftanlagen herstellt. Viele Arbeiter, wenige alte Maschinen - aber was sie herstellen, kann sich trotzdem sehen lassen.

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Huitengxile, der mit 43 Megawatt zweitgrößte Windpark Chinas, ist unser nächstes Ziel. Auch er liegt in der Inneren Mongolei, und wie könnte es anders sein, in einer Gegend, in der der Wind kein himmlisches Kind, sondern ein ziemlich garstiger Beelzebub ist. Doch bevor wir drehen können, dürfen wir erneut der mongolischen Gastfreundlichschaft Tribut zollen.


Der Vorteil ist, danach haben wir zwei Promille Mut getankt, was ausreicht, um einen der 72 Türme zu besteigen. Ich komme nur zur Hälfte, aber Rolf wuchtet die schwere Kamera auf dem Kopf 53 Meter nach oben – was macht man nicht alles für´s bessere Bild.


Wir treffen zwei Dänen, die sechs neue Windanlagen aufbauen und installieren. Dabei sind sie auf sich allein gestellt, denn die chinesischen Mitarbeiter sind nicht wirklich eine Hilfe. Trotzdem nehmen sie – wenn´s gut läuft – alle drei Tage einen Turm in Betrieb. Zwei Monate harren sie in Huitengxile aus – und wer mal hier war weiß, dass sind laaaange Monate. Dann geht´s zur nächsten Baustelle. „Kanada, Rhodos, Neuseeland, Pakistan“, erzählt mir Karsten, nachdem er mich begierig nach den jüngsten Bundesligaergebnissen fragte. (Werder wird doch Meister, oder?) „Gerade wollte mir mein Chef Nowosibirsk schmackhaft machen. Aber ich weiß nicht so recht. Minus 40 Grad ist nicht wirklich witzig.“


Die Jungs verdienen zwar gut, so um die 100.000 € netto im Jahr, doch ihre Arbeit ist gefährlich. Das merke ich, als auf einmal einer der eisbedeckten Rotoren kiloschwere Brocken nach mir speit, die pfeilschnell an meinem Kopf vorbeischwirren.


Nach ein paar Tagen erkennen wir die Schwäche im System: Zwar wird die Windanlage ständig vergrößert, doch das Stromnetz selbst kann die Leistung nicht aufnehmen. Und so wundern wir uns nicht, dass alle Lichter ausgehen, als wir gerade eine Schule filmen wollen.


Trotzdem kann sich die Bilanz des Windparks sehen lassen. Schließlich garantiert er eine Schadstoffminderung von 308 Tonnen Schwefeldioxid, 115 Tonnen Stickoxide, 82 Tonnen Staub und 67.000 Tonnen CO2. Durch den Immissionsverkauf an die Niederlande im Rahmen des Kyoto-Vertrags dürfen die Holländer genau diese Menge zusätzlich in die Luft blasen, und zwar für rund 5 € pro Tonne CO2. Für mich eine Milchmädchen-Rechnung, denn zahlreiche Studien sprechen von CO2 Vermeidungskosten zwischen 17 € und 27 €. Anders gesagt: Der Immissionsverkauf müsste viel teurer sein. Liu Rui Qing, der Direktor der Anlage, erklärt mir noch, dass die deutschen Windanlagen die zuverlässigsten sind, die amerikanischen dagegen mehr stehen als laufen. Dann heißt es für uns, Abschied zu nehmen: Wir reisen von der Mongolei nach Peking, und von dort nach Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Setchuan, wo man selbst den Tee mit Chilischoten aufpeppt.


Vom diesem Zentrum des scharfen Futters soll´s dann weitergehen: Über den Trans-Himalaya nach Tibet.
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Wenn man in einer Höhe bis 4.000 Metern drehen will, sollte man sich vorher akklimatisieren. Das klappt leider nicht, weil wir in Chengdu einen Tag festhängen. Denn Tibets internationaler Flughafen ist nicht einfach zu erreichen. Als wir endlich 24 Stunden später mit der Frühmaschine einfliegen, kämpft der Pilot heftig um die sichere Landung. Beim Aussteigen bleibt uns erst einmal die Luft weg. Dafür strahlt der Planet; mit 3.000 Stunden Sonne pro Jahr sorgt Tibet schnell für eine neue Hautfarbe. Für uns geht´s ohne Pause weiter, und nach ein paar Stunden Jeepfahrt ist es endlich soweit: Ein Ordner voller Sondergenehmigungen sorgt dafür, dass wir in Tibets ältestem Kloster filmen dürfen.


Das Rotmützen-Kloster Samye wurde 762 erbaut. Heute lebt hier einer der wichtigsten Rinpoche Tibets. 152 Mönche gehen einem geistlichen Leben nach; fast unbehelligt von der chinesischen Verwaltung. Allerdings ist dies erst seit einigen Jahren möglich. 1995 wurde das halbverfallene Kloster wieder in Schuss gebracht, und seit dieser Zeit gibt´s dank der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit GTZ auch Elektrizität. Damit der Saft auch fließt, hat das Kloster einen eigenen Elektriker: Norbu Damdul ist der Mönch mit dem Lötkolben.


Darüber ist Lobsang Keldrup, der zweithöchste Mönch im Kloster, glücklich: „Zum einen“, erzählt er mir, „können unsere Mönche jetzt auch abends studieren. Zum anderen haben wir durch die Beleuchtung weniger Diebstähle.“ Das habe ich dann doch nicht erwartet im heiligen Tibet. Bei den vielen Touristen, die jährlich durchs Kloster stapfen, muss man wohl mit allem rechnen. Doch die Klöster sind auf Neckermänner angewiesen. Zwar dürfen die Mönche ihrem spirituellen Leben nachgehen, aber ohne eigene Pfründe. So sind Spenden und Touris die einzigen Einnahmequellen.


Auf drei große Ereignisse blickt man in Samye zurück: 1982 die Landreform, als Deng Xiaoping den Boden reprivatisierte. Vier Jahre später die Dünenbefestigung, um der Verwüstung Einhalt zu gebieten.


1996 kam dann der Strom. Dazu baute die GTZ ein kleines Wasserkraftwerk um, dass zu Staatsbetriebszeiten von 12 Mann nicht in Schuss gehalten wurde. Heute sorgt ein einziger Elektriker für den pannenfreien Ablauf. 40 % des gewonnenen Stroms wird produktiv genutzt. Das heißt, er treibt Maschinen an, vom Werkzeug des Dorfschmieds bis zur Nudelmaschine einer Selbstständigen. Das bringt mit sich, dass die Leute plötzlich von selbst auf Geschäftsideen kommen. Wir stoßen mitten in Samye auf ein „Business-Seminar“, in dem einfache Bauern unter Anleitung ihre Ideen auf ökonomische Machbarkeit überprüfen. Ihnen gefällt´s, und mir auch. Denn ob ich mit jungen Leuten rede oder ältere Menschen befrage, alle sind sich einig: Die Elektrizität hat ihr Leben verbessert.


Was mich besonders freut: Wenn es den Jungen besser geht, haben auch die Alten eine Perspektive. Schließlich geht´s in Tibet nicht anders zu wie im Rest der Welt: Gibt´s keine Arbeit, hauen die Jungen ab, und die Alten bleiben unter miserablen Bedingungen zurück. In Samye konnte man diese Entwicklung stoppen.



Damit das so bleibt, wurde die Grundschule Duo Puozhang elektrifiziert. Als wir dort filmen, werden wir erst einmal von der dreißigköpfigen Schulband lautstark begrüßt.


Leider setzt man auch in Tibet auf Windows. Den Kleinen ist´s egal – sie freuen sich über ihren wöchentlichen Computerkurs. Einen Internetanschluss hat übrigens nur der Lehrer. Ein Schalk, der Böses dabei denkt.

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Auf dem Weg nach Lhasa besuchen wir im Tal von Tsetang den alten Königspalast Yumbu Lagang aus dem 2. Jahrhundert. Wer es bis nach oben schafft, genießt einen herrlichen Ausblick. Die Straße durchs Tsetangtal kommt mir erstaunlich breit vor, die Antwort unseres Begleiters ist dagegen nüchtern: Von hier zur indischen Grenze und nach Bhutan sind es nur noch 80 Kilometer, die Straße dient im Ernstfall als Aufmarschstraße. Möge sie nie Aufmärsche sehen.


Lhasa – das ist ein Name, der bei mir schon immer eine besondere Magie versprühte. Endlich bin ich da, und obwohl es das erste Mal ist, habe ich das Gefühl, die Stadt zu kennen.


Ihre Exotik liegt in der Vielfalt der Gläubigen, Pilger und Mönche, die zu Zehntausenden durch die Straßen und Gassen der Altstadt strömen. Es gibt einen chinesisch und einen tibetisch geprägten Stadtteil; die Grenze dazwischen wird vom Potala geprägt. Es ist das klare Licht der Berge, dass den Palast des Dalai Lamas in seiner ganzen Unwirklichkeit erstrahlen lässt.


Heute ist der Tag der Arbeit, der wichtigste Feiertag in China. Was ich sehe, rüttelt am Medienbild der Tibetfrage. Zwar gibt´s einen Aufmarsch chinesischer Soldaten, doch gleich neben ihnen werfen sich die Gläubigen zu Boden, vermessen den Platz mit ihren Körpern, und keiner scheint vom anderen gestört zu sein. Natürlich will ich´s gerne genauer wissen, und befrage unsere chinesische Aufpasser vom Ministerium ebenso wie unsere tibetischen Begleiter. Ihre Antworten sind offen. Den Chinesen ist klar, dass die Ausübung der Religion in Tibet essentiell ist, da sie sich so unglaublich tief in alle Bereiche des täglichen Lebens verankert. Sie können zwar nicht verstehen, dass die Einheimischen ihr Geld lieber ins Kloster tragen, statt damit produktiv zu werden, doch sie akzeptieren es. Die Tibeter dagegen wissen, dass der Fortschritt, den China ins Land brachte, ihre Lebensbedingungen stark verbesserten. Allerdings gibt es ein echtes Sperrgebiet: Den Dalai Lama darf man öffentlich nicht erwähnen. Trotzdem ist er allgegenwärtig: Denn der größte Herzenswunsch aller Tibeter ist seine Rückkehr in den Potala – auch wenn keiner daran glauben mag.

Einer unserer tibetischen Begleiter geht im Potala ein und aus, und so genießen wir eine besonders intime Führung. Ein großer Teil des Palastes – die weißen Gebäude – waren einst Büros für die Amtsgeschäfte. Im mächtigen roten Aufbau befinden sich die tonnenschweren goldenen Stupas: Die Gräber der verschiedenen Inkarnationen des Dalai Lama. Dazu Hundertausende Statuen von Buddhas sowie Könige und Prinzessinnen der tibetischen Geschichte. Ein magischer Ort, im Halbdunkel vom Schein der Yakbutter-Kerzen erleuchtet. Das größte Grab gehört dem 6. Dalai Lama, der im 17 Jahrhundert die spirituellen und politischen Geschicke des Landes in seiner Hand vereinigte, und damit das Königshaus ablöste. Vier Tonnen Gold wurde für sein Grab verarbeitet. Der kleinste Teil des Potalas – die gelben Gebäude – waren die Privatgemächer des Dalai Lama. Sein Schlafraum, sein Meditationsraum, die beiden Räume für Empfänge – alles wirkt klein und bescheiden im Gegensatz zum Pomp ausgestellter Vergangenheit.


Während der Potala auf mich wie ein Museum wirkt, zeigt der Jokhang-Tempel in Lhasas Altstadt spirituelles Leben. Es ist das wichtiges Kloster im Land; selbst während der blutigen Kulturrevolution wagten die Chinesen es nicht, Hand daran zu legen.


Das Kloster ist ein ganzes Stadtviertel. Außenrum geht eine Fußgängerzone, links und rechts von Tausenden Verkaufsständen eingerahmt. Hier gibt´s alles, was des Pilgers und des Touristen Herz begehrt: Vom Mönchsgewand über die allgegenwärtige Gebetsmühle bis zum 80 Kilo schweren Yakbutter-Block. Zwischen den Verkaufsständen strömen die Menschen um das Kloster. Natürlich im Uhrzeigersinn – kaum einer macht die Ausnahme. Natürlich mit einer Gebetsmühle bewaffnet. Ein unendlicher, nicht abreißender Strom gehender, singender, murmelnder, lachender Menschen.


Neu für mich ist, dass der Buddhismus den Ablaßhandel kennt, den ich für eine Erfindung der katholischen Kirche hielt: Aber hier im Viertel kann man Mönche kaufen, die für einen beten, Pilgerreisen unternehmen, ja selbst den Kaibasch, den wichtigsten Pilgergang, umrunden. Vielleicht ist die Gebetsmühle da nur eine zwangsläufige Entwicklung. Schließlich betet sie für den Gläubigern, während er sich mit anderem beschäftigen kann. Und das tun sie eifrig, die Tibeter, hier, wo Kommerz und Spiritismus aufeinandertreffen, sich aber nicht zu behindern scheinen. In diesem ganzen Tohuwabohu drehen wir völlig unbehelligt, was in der Mongolei ganz anders war, als beim Straßendreh aus dem Nichts die Geheimpolizei auftauchte. Von denen ist hier nichts zu sehen, obwohl es sie natürlich gibt.
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Was für ein Gegensatz: Von Lhasa fliegen wir nach Shanghai; von der Klarheit der Bergwelt in die dampfenden Niederungen des Chinesischen Meers; von der Stille der tibetischen Morgen in die brodelnden Nächte der neuen Welthauptstadt der Superlative. Hier spielt China eine andere Karte aus: In Shanghai stehen ein Viertel aller Baukräne dieser Erde. In nur 5 Jahren wurden 2000 Hochhäuser errichtet. Täglich wird ein neuer 40-Stockwerke-Turm fertiggestellt. Das Shanghai World Financial Center wird mit 500 Metern das höchste Gebäude der Welt, der Transrapid rauscht daran vorbei, bevor es über die längste Brücke dieser Erde geht.


Hier geht´s ums Big Business, ums schnelle Geld, um zehnspurige Autobahnen und den neuen Stadtteil Putong, der Manhattan als Zentrum der Finanzwelt ablösen soll, um einen Mann namens General Wu, der täglich fünfzigtausend, sechzigtausend Arbeiter in die Baustellen der Stadt abkommandiert. Ich frage mich, wie kann das sein in einem kommunistischen Land mit einer Einparteien-Regierung? Deng Xiaoping sprach noch von „bescheidenem Wohlstand für jeden“ und nannte seine Strategie „von Stein zu Stein vorsichtig den Fluss durchwaten“. Aber Shanghai hat bereits jede Bescheidenheit abgelegt. Wer das Handy der Generation von übermorgen sehen will sollte, anstatt sich auf der CeBit zu langweilen, einen vergnüglichen Abend in der Fußgängerzone Nan Ying Dong Lu der 17-Millionen-Metropole verbringen.

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Wieder erlaubt uns ein Packen Sondergenehmigungen, im Transrapid zu drehen. Die Strecke Podang Longjang Road Station - Podang International Airport ist rund 30 Kilometer lang und wird von der Magnetschwebebahn in 7 Minuten 20 Sekunden zurückgelegt. In kürzester Zeit erreicht der Transrapid seine Höchstgeschwindigkeit von 430 Stundenkilometer; ohne Lärm, ohne Geschüttel, ohne dass einem wie im ICE die Seitenverschalung auf den Kopf plumpst. Feine Sache. Typisch für Shanghai ist die ultrakurze Bauzeit von knapp zwei Jahren für die Gesamtstrecke. Vermutlich füllten allein die Transrapid-Debatten im deutschen Bundestag schon ein halbes Leben.


Shanghai ist eine Stadt auf der Überholspur, daran gibt´s nix zu deuteln. Für mich stellt sich jedoch die Frage: Macht materieller Wohlstand allein glücklich? Was wird die Pekinger Regierung unternehmen, wenn die Menschen nach Freiheit rufen am Tag des immervollen Kühlschranks? Auf Gemeindeebene gibt es zwar den Ansatz demokratischer Strukturen: Die Einwohner der Dörfer wählen ihre Vertreter in die Kreiskommitees selbst. Doch weiter oben im Machtgefüge ist alles beim Alten. Ein einflussreicher Chinese sagt mir, so bleibt das auch, die nächsten dreißig bis fünfzig Jahre.


Wir nehmen Abschied von Reich der Mitte, das mir so viele krasse Gegensätze bot. Diese auszugleichen ist das Ziel des Brightness-Programms der Regierung. Die Brücke zwischen neunzehntem und einundzwanzigstem Jahrhundert zu schlagen - eine titanische Aufgabe. Wer Lust hat, mehr darüber zu sehen: Im Juni läuft unser Film auf ARTE.