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Gibt es einen besseren Beginn für mein Tagebuch als heute? Schneeregen, Nebel, knapp 2° C, und die deutsche Fussball-Nationalmannschaft hat sich auch mal wieder nicht mit Ruhm bekleckert. Am Donnerstag sitzen wir im Flieger nach Windhoek, der Hauptstadt Namibias. "Wir", das sind Rolf und Bigy Jost von der Emotion Filmproduktion, und eine Menge anderer Leute, die ich Euch im Laufe der Zeit vorstellen werde.

Nach unserem erfolgreichen Film "Auf der Walz" kehren wir also in die Wüste zurück. Dieses Mal begleiten wir nicht Zimmerleute auf Tippelei im heißesten Land der Erde - dieses Mal hat es uns seine Pflanzenwelt angetan. Genauer gesagt, seine Wüsten-Pflanzen. Genauer gesagt, die Heilpflanzen der Wüste. Genauer gesagt, vier Heilpflanzen der Wüste, die fantastische Wirkungen versprechen.


Doch bevor die erste Klappe fällt, hat der Gott des Zelluloids (der heute häufig im digitalen Gewand daherkommt) die rauhe Zeit der Recherche gestellt. Die begann für mich vor 14 Monaten (!) beim Essen mit einigen Namibia-Experten. Da traf ich Dr. Gaby Alber, die mir die spannende Geschichte der Teufelskralle erzählte, einer Heilpflanze, die offenbar nicht weniger kann als Deutschland von der Volkskrankheit Nr. 1, dem Rheuma, zu befreien. Mit anderen Worten: Sie erzählte mir von einem Multi-Millionen-Markt. Man sollte einem Autor nicht solche Flöhe ins Ohr setzen, weil er alsbald seine Arbeit und seine Frau vernachlässigt, um sich auf "die Jagd nach der Teufelskralle" zu machen. Für die braucht man übrigens einen langen Atem. Doch nach unzähligen Gesprächen, Expertisen, Exposes und Planungsrunden heißt es nun bald: Klappe, Action, Kamera läuft.


Vier Heilpflanzen - neue Hoffung für kranke Menschen - viel Aussicht auf Profit für Pharmafirmen - enorme Gefahren für die Umwelt und die Volksstämme, auf deren Gebiet die Pflanzen wachsen: Das sind die Eckpunkte unserer bisherigen Erkenntnisse. Wir wissen noch nicht, was uns in den entlegenen Brutöfen des Okavango und der Kalahari erwartet. Wir wissen nicht, unter welchen Bedingungen wir filmen können. Wir wissen nur eines: Wir sind froh, dass es endlich losgeht.


Wenn Sie Lust haben, mich auf dieser Reise durch die ältesten und heißesten Wüsten dieser Erde zu begleiten; wenn Sie Lust haben, mit Buschleuten auf die Jagd zu gehen, von den neuesten Erkenntnissen führender Biologen und Medizinern zu lesen, den Jungfernflug unseres einzigartigen Kamera-Heissluftballons hautnah mitzuerleben - dann besuchen Sie mich doch immer mal wieder auf dieser Seite.



Bis dahin gilt: Die Wüste lebt!
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Und er fährt doch! Die Jungfernfahrt unseres Ballons fand auf der Schwäbischen Alb statt. Wir waren begeistert: Steuerung des Ballons, Steuerung der Kamera – alles funktionierte bestens. Unser „Luftbilder-Plan“ scheint also zu funktionieren. Kleinflugzeuge und Helikopter, die wir in früheren Filmen einsetzten, waren immer zu schnell oder wirbelten zu viel Sand auf. Bleibt nur die Frage offen, wie unser Baby die Hitze der Kalahari verträgt. Schließlich steigt ein Ballon deshalb, weil der Temperaturunterschied Innen zu Außen in unseren Breiten ausreicht. Doch Rolf hat eine „Wüsten-Belastbarkeit“ von immer noch 20 Kilogramm errechnet. Mit anderen Worten: Für die Kamera reichts, für den Kasten Bier nicht. Man wird also auch tragen müssen.

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Was für ein Unterschied: Ankunft in Windhoek, morgens um 9 Uhr. 23° Grad, klares Licht, trockene Luft, trillernde Nektar-Vögel im Sturzflug, Zähne bleckende Paviane an der Straße. Mit anderen Worten: Namibianischer Sommer. Der ist hier im übrigen gleichbedeutend mit der Regenzeit, und aus diesem Grund ist es für einige Wochen herrlich grün. Darauf setzen wir: Denn die Pflanzen unserer Wüstenapotheke blühen jetzt. Allerdings nur für ganz kurze Zeit.

Deutschland wollte uns nicht so einfach ziehen lassen: Zwei Stunden saßen wir in München im Flieger fest, da eine Passagierin nicht mitreisen konnte, und man ihren Koffer unter Tonnen von Gepäck suchte. Danach waren die Tragflügel vereist, danach … aber genug: Schließlich starteten wir durch zum 10stündigen Nachtflug.

Helga und Wolfgang Pönnighaus von der Firma Pilots Paradise schleusten uns und unsere 170 Kilogramm Gepäck durch den namibianischen Zoll. Die beiden betreiben in Windhoek eine erfolgreiche Filmfirma, die vom Back-up-Service mit wüsten- und dschungeltauglicher Ausrüstung über Locationsuche, Research, Second Unit, und Making-Off alles bieten. Nicht zu vergessen Luftaufnahmen aus einem Micro-Light sowohl für Film als auch Fotografie. Wolfgang gehört zu den erfahrensten Piloten im Land, seine Frau Helga dagegen ist eine hervorragende Fotografin. Sie wird uns in Namibia mit Rat und Tat zur Seite stehen.

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Ich persönlich bin nicht der ganz große Freund des frühen Weckers. Doch zwei Aspekte sprechen fürs unchristliche Aufstehen um fünf Uhr früh, um unsere erste afrikanische Ballon-Fahrt einzuläuten. Der Ballon mag keine starken Winde, deshalb eignet sich die Thermik um Sonnenaufgang besonders gut. Passenderweise ist das auch die beste Zeit für gute Filmaufnahmen, denn schon kurz nach 10 Uhr ist die Sonneneinstrahlung zu steil.

Bei dieser Ballonfahrt merken wir gleich, der afrikanische Busch ist schon was anderes als die Schwäbische Alb. Bei der Landung, wenn die Ballonhülle in sich zusammenfällt, besteht große Gefahr, dass sie am dornigen Gestrüpp Schaden nimmt. Wegen der Höhe (Windhoek liegt 1.400 Meter über dem Meeresspiegel) und der Hitze (28° Celsius um 8 Uhr morgens) müssen wir das Propan mit Butan mischen, um den Flaschendruck zu verringern. Das wiederum schwächt die Brennerleistung. Wir müssen also flott arbeiten. Aber das kennen wir ja.


Unser Ballonfahrer Richard Bölling vom Ballonsport-Bölling Brigachtal erteilt uns einen Schnellkursus. Er ist seit einem Vierteljahrhundert im Ballon unterwegs und gehört mit seinen über 1.900 Fahrten zu den erfahrensten Ballonfahrern Deutschland. Richard ist gleichzeitig Instruktor, Ausbilder und Ballonbauer. Die nächsten zwei Wochen profitieren wir noch von seinem Know-How, dann müssen wir alleine zurecht kommen.


Heute treffen wir die letzten Vorbereitungen, morgen früh fahren wir los ins Buschmannsland. Wünscht uns Glück, wir nehmen´s gerne mit.
Vielen Dank für die zahlreichen Grüße und guten Wünsche, die uns erreichten. Ich wünsche Euch wieder viel Spaß beim Lesen.



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„Ich kann in dein Herz sehen, auch wenn du da hinter der Tür stehst“, sagt Dr. Matheus Mutindi Kuvare. Er ist ein traditioneller Heiler der Hereros, ein Mann mit einer ganz eigentümlichen Ausstrahlung. Kein Wunder verbirgt sich Helga vorsorglich hinterm Reflektorschirm. Ob es nützt? Die Macht von Dr. Kuvare ist deutlich spürbar.

Wir sind viele Stunden von Omaruru Richtung Nordwesten gefahren. Das Herero-Dorf liegt auf einem sonnendurchglühten Plateau nahe dem Brand-Gebirge: Eine Ansammlung von Grals und Hütten, ein Bottle-Store - und das Krankenhaus von Dr. Kuvare, ein Häuschen von 4 auf 3 Metern. Auch wenn das nicht unseren westlichen Vorstellungen guter medizinischer Versorgung entspricht, der Ruf von Dr. Kuvare ist phänomenal: Bei ihm treffen wir Frauen vom Stamm der Himbas, die selbst der über 300 Kilometer weite Weg aus dem Kaokoveld nicht abgeschreckt hat, um sich von ihm behandeln zu lassen.

Wie er das macht, ist in unseren Augen fremdartig. In einem Spiegel erkennt er Krankengeschichte und Symptome; mit Hilfe von Beschwörungen, einem Pavian-Schädel und Heilpflanzen behandelt er die Patienten. Dr. Kuvare entnimmt einer Himba-Frau Blut, in dem er ihren Arm an seine Lippen führt, und daran saugt. Danach spuckt er einen Mundvoll Blut aus. Am Arm der Frau sieht man keinerlei Spuren.


Allerdings ist das nur eine Vorführung seines Könnens. „Wegen HIV ist das keine gängige Praxis der Blutabnahme mehr“, erklärt mir Dr. Kuvare, der eine staatliche Approbation benötigt, um als traditioneller Heiler arbeiten zu dürfen. Ich sehe eine erstaunliche Parallele: Der Pfarrer und Volkskundler Heinrich Hansjakob beschreibt 1890 in seinem Buch „Erzbauern“ Schwarzwälder Sympathie-Doktoren. Ihr Wissen über Kräuter und Heilpflanzen war häufig die einzige Hoffnung kranker Menschen in den wenig zugänglichen Gebieten des Schwarzwalds. Der größte Teil ihres Wissen ist in unserem Chemie-Zeitalter verloren gegangen. Hier in Namibia ist es noch vorhanden.
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Dafür sorgt auch der 90-jährige Eberhard von Koenen. Er lebt in einfachsten Verhältnissen auf einer Farm westlich von Omaruru. Innerhalb von 25 Jahren hat er ein Standard-Werk aller Heil- und Giftpflanzen Namibias zusammengestellt.


Es ist faszinierend, mit ihm zu arbeiten. Er führt uns durch die trockene Dorn-Savanne zu einem Baum. „Boscia albitunca“, sagt er. „Aus den Früchten könnt ihr Bier brauen. Die Wurzel gibt guten Kaffee-Ersatz. Und ihr Extrakt konserviert Lebensmittel.“


Sein eigentliches Thema ist – ähnlich führender Mediziner in Deutschland – die Schwächung des Menschen durch Antibiotika-Resistenzen. In seinen Augen liegt die einzige Lösung in der intensiven Nutzung von Heilpflanzen. Allein in der Kalahari gibt es über 1.200 Pflanzenarten. „Namibia ist ein Land extremer Wetterbedingungen“, erzählt er. „Nur die stärksten Pflanzen überleben. Kein Wunder, haben viele enorme Heilwirkungen“. Trotz seines hohen Alters bricht er kurz nach unserem Besuch ins Buschmannsland auf, um sich dort mit traditionellen Heilern auszutauschen. „Wenn du eine Aufgabe hast“, sagt er mir, „kennst du keine Müdigkeit.“
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Man sagt, es ist die älteste menschliche Kultur der Erde – Vorfahren von uns allen: Die KhoiSan, Buschleute des südlichen Afrikas. Wir sind nach Tsumke gefahren, Hunderte von Kilometern über Gravel-Roads bis kurz vor die Grenze von Botsuana. Hier leben einige der rund 45.000 Buschmänner Namibias. Mit nur 3% der Gesamtbevölkerung gehören sie zu den Minderheiten des Landes. Ihr umfassendes Wissen über die Pflanzenwelt der Kalahari ist verblüffend.

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Wir ziehen mit ihnen los, um Teufelskrallen zu finden: Kilometerweit dringen wir in die Dorn-Savanne ein. Unsere Sinne sind geradezu stumpf gegen ihre: Sie hören den Leoparden ganz in der Nähe – wir nicht. Wir entdecken zwar die Elefantenspur, sie aber lesen darin, wann er hier war, was er wollte. Sie kennen jedes Tier, jedes Insekt, jeden Strauch, jeden Busch. Sie wissen, welche Pflanze man zu welcher Zeit auf welche Art zu sich nehmen kann.

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Traurig dagegen ist ihr Schicksal: Einst waren sie Nomaden, folgten dem Regen, lebten von der Jagd, malten und sangen. Ein friedliches Volk, die KhoiSan führten keine Kriege. Dann kamen im 1. Jahrhundert nach Christus schwarze Krieger – Bantus – die Vorfahren moderner Nationen wie MaShona, Zulu, Ndbele, Xhosa, BaTswana und Sotho. Sie übernahmen zwar die Klicklaute der KhoiSan Sprache, Regenmacher-Zeremonien und Heil-Praktiken, aber verdrängten die Buschleute in die entlegensten Regionen der Kalahari. Ihrer traditionellen Lebensweise entzogen, können diese heute ohne Hilfe nicht überleben. Deshalb kommen wir auch nicht mit leeren Händen.

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Heute kam der große Regen. So habe ich aride Zonen noch nie erlebt. Henrik van Zyl, der Missionar von Tsumke, bestätigt mir: An diesen dreitägigen Wolkenguss wird man sich hier lange erinnern. Die Trocken-Savanne hüllt sich in saftiges Grün. Überall sprießen Pflanzen, entdecken wir Wildtiere. Während der Locationsuche durchqueren wir die Nyae-Nyae Pan, eine Tiefebene von rund 24 km2, zwischen Gnu- und Spring-Bock-Herden, Kuh-Antilopen, Schakale und Strauße. Doch der Regen bereitet uns noch eine böse Überraschung: Tückischer Black-Soil, ein klebriger Schlick, bereitet unserer Fahrt ein jähes Ende. Wir benötigen Stunden, um den tonnenschweren Land Cruiser wieder flott zu kriegen.

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Die Familie Diekmann lebt in der dritten Generation in Namibia. Die Farm von Gero Diekmann hat die stolze Größe von 12 km auf 12 km. Er betreibt Rinderwirtschaft, 1.600 Rinder stehen auf seinem Grund.

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Seit einiger Zeit arbeitet er auch mit der Teufelskralle. Die Harpagophytum procumbens wächst nur in den Sandgebieten der Kalahari. Sie ist eine wertvolle Heilpflanze gegen Arthritis und Rheumatismus. Der Bedarf an Rohdroge aus den Wurzelknollen dieser Pflanze ist in den letzten Jahren so stark gestiegen, dass der Fortbestand der Art stark gefährdet ist.


Gero gehört zu den wenigen, die diese Gefahr erkannt haben. Deshalb setzt er zum einen auf eine umfassende Ausbildung der Wildsammler, zum anderen auf den Eigenanbau. Das wiederum ist eine knifflige Angelegenheit. Bisher ging man davon aus, Teufelskralle kann nicht kultiviert werden. Aus diesem Grund treffen wir auf Geros Farm Professor Dieter von Willert von der Universität Münster. Seine Arbeiten zur Kultivierung der Teufelskralle sind bahnbrechend – wir werden sie im südafrikanischen Teil der Kalahari genauer unter die Lupe nehmen. Dorthin brechen wir in Kürze auf. Wenn alles klappt, melde ich mich in rund 10 Tagen wieder.
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Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal nach Windhoek kam, wurde mir schnell klar, dass es hinter der provinziellen Fassade von Namibias Hauptstadt brodelt. Nirgends sah ich so viele beschäftigungslose junge schwarze Männer wie hier. Geht man dann mit weißen Windhoekern (Deutsch-Namibianer, genannt Krautköpfe; holländische Abkömmlinge, genannt Schlappohren) in Joes Bierhaus einen heben, dreht sich das Gesprächsthema vor allem um die Sicherheit, die Wahrung des Besitzstandes, die Errichtung einer Bürgerwehr, und ob man straffrei bleibt, wenn man 9 mm gegen Einbrecher einsetzt. Einige Viertel sind Festungen mit hohen Mauern, Stacheldraht und Glasscherben drauf, mit elektrischen Zäunen und Bewegungsmeldern. Auch unsere Unterkunft im Stadtteil Ludwigsdorf (mir kommt es immer seltsam vor, diese deutschen Namen im tief afrikanischen Land zu nutzen) gibt sich diesen uneinnehmbaren Touch. Aber der Schein trügt. In dieser Nacht kommen die Einbrecher durchs Fenster, und sie haben Robert Redfords Film „Sneakers – die Lautlosen“ mit der Muttermilch eingesogen, denn wir bekommen nichts davon mit. Als wir morgens erwachen, fehlen Geld, Kreditkarten, Handys, und das Schlimmste, eine Kamera. Es ist kein schönes Gefühl zu wissen, dass in der Nacht Räuber Hotzenplotz neben deinem Bett kniete.

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Die Spurensicherung rückt an, und zu sichern gibt es Einiges. Die Eindringlinge waren cool genug, sich auch noch aus dem Kühlschrank zu bedienen. Im übrigen wußten sie, dass wir mit wertvollem Gepäck hier sind, und unser Gastgeber an diesem Abend seine Alarmanlage abgeschaltet hatte. Wie dieses Informationssystem funktioniert? Das steht vermutlich in meinem nächsten Roman. Da passt dann auch der Anruf unseres eingeschalteten Gewährsmannes hinein, der kurz danach hörte, unsere Kamera ist auf dem Hehlermarkt aufgetaucht. Das sind die Tage, die einem Illusionen rauben, und graue Haare schenken.

Anstatt um 6.00 Uhr morgens sitze ich also erst acht Stunden später am Steuer Richtung südafrikanischer Kalahari. Für diesen Loop haben wir uns einen VW-Bus gemietet – einst das Lieblingsvehikel aller Sahara-Durchquerer. Aber auch hier sind die glorreichen Tage Vergangenheit, wie wir bald erfahren. Die Strecke selbst ist leicht beschreibbar: Hinterm Ortsschild Windhoek 500 Kilometer auf Teerstraße geradeaus, kurz vor Keetmanshoop links und weitere 180 Kilometer auf Gravelroad der Nase nach. Kommt einem hier ein Auto entgegen, zählt man sich zu den Glücklichen. Irgendwann steht man an der Grenze.

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Ich komme das erste Mal nach Südafrika, und es erscheint mir, als betrete ich das Land durch die Hintertür. An diesem Grenzübergang schiebt man eine ruhige Kugel, denke ich, aber dann sehe ich den halbzerstörten Land-Rover und den zerbeulten Schlagbaum. Sowas lässt mir natürlich keine Ruhe, und ich frage einen Soldaten, was passiert ist.
´Jemand wollte über die Grenze`, sagt er.
´Ist der Fahrer schwer verletzt?` frage ich.
´Er sprang aus dem Auto, und rannte davon`.
Was für eine Räuberpistole. ´Passiert das hier häufig?` will ich wissen.
Er lacht: ´Nein, nein, war das erste Mal`.
Bla, bla, bla. Wie sagt der Schwabe? Un´ am Arsch hängt a Gutsle. (Für Sprachunkundige: Gewisser Zweifel ist angebracht.)

Wir erreichen Askam, und ich bin schon mächtig gespannt. Hier haben wir noch einmal Gelegenheit, mit Buschmännern zu drehen. Für uns alle bedeuten diese Tage ein unglaublich tiefes Erlebnis. Ähnlich wie in Tsumke sind wir von der Intelligenz, der Freundlichkeit, der Auffassungsgabe und des Wissens dieser Menschen fasziniert.



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Dabei gelingen uns möglicherweise die letzten Bilder von Buschmännern auf der Jagd. Denn nach diesen traditionellen Huntern kommt keiner mehr. Schon der nächsten Generation wird die Jagd verwehrt sein. 30.000 Jahre haben sich die Buschleute auf diese Weise das Überleben gesichert – das 21. Jahrhundert bedeutet ihr Ende.


Die Pflanze, die die Buschmänner als Nahrungsmittel auf der Jagd benutzen, heißt Hoodia, ein kniehoches stacheliges Gewächs. Es kann bis zu 50 Jahre alt werden, und ein Jahr ohne Wasser auskommen. Es unterdrückt Hunger und Durst – mit anderen Worten: Es ist vielleicht der Appetitzügler der Zukunft. Ein Markt, den man allein in den USA auf 3 Milliarden Euro schätzt. Der Pharmagigant Pfizer (Viagra & Co) erwarb die Rechte an der sattmachenden Substanz „P57“ des Kaktus. Mit Hilfe des Menschenrechte-Anwalts Roger Chennels kämpften die KhoiSan darum, an den Gewinnen, die auf ihrem Wissen basieren, beteiligt zu werden. Sie setzten sich gerichtlich durch, doch kurz darauf zog sich Pfizer ohne Angabe von Gründen aus dem Geschäft zurück und veräußerte die Lizenz. Damit waren die Buschmänner einmal mehr die Geprellten. Was genau hinter den Kulissen lief, weiß niemand. Aber in zwei Wochen werde ich mit Roger Chennels ein Gespräch führen, und möglicherweise kommt etwas Licht ins Dunkel.

 
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Wir drehen mit Dr. Gabriele Alber, einer Agrarwissenschaftlerin, die sich mit Nährstoffpräparaten für den Veterinärbedarf befasst. Hoodia kann auch für Tiere interessant sein, nur gibt es dafür keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse. Dr. Alber hofft, einige ihrer Fragen von Petrus Vaalboy beantwortet zu bekommen. Der Chairman der San Association lädt uns auf ein „Probiererle“ ein. Alle Achtung: Ist der Kaktus so wirksam wie bitter, bekommt Westernhagens Song „Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin“ ein ganz neue Qualität.

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1.200 Kilometer Kalahari, und schon macht er schlapp, unser Busle. Von wegen, und läuft und läuft und läuft. Wir verbringen den Tag in diversen Werkstätten, bis der Patient wieder zusammengeflickt ist.

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Nachmittags um 16.00 Uhr: Endlich heißt es: „Weiter geht´s“. Wohin? Wieder 300 Kilometer gen Norden. Eine Erkenntnis dieser Fahrt: Die Kalahari ist sehr, sehr groß.
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Die Farm von Gert Olivier liegt bei Avontuur, und um dorthin zu kommen, sollte man ein ordentliches Vesper einpacken. Kurz vor der südlichen Grenze von Botswana gibt es Mangan-Minen, Farmen die man als klein bezeichnet, wenn sie unter 10.000 Hektar aufweisen, außenrum eine Menge dieses herrlichen Nichts, welches einfach nicht enden will, und ein Laden, der 140 Kilometer entfernt ist. Eine Wohltat für die eingezwängte deutsche Seele.

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Auf Avontuur treffen wir Professor Dieter von Willert von der Universität Münster. Vor einigen Jahren startete er die weltweit ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zur Teufelskralle.
Was er darüber nicht weiß, weiß auch sonst keiner.

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Doch nicht nur die Teufelskralle mit ihren erstaunlichen Eigenschaften hat es ihm angetan. Dieter von Willert nimmt uns mit zur Kitlangyang Primary School, die er seit Jahren unterstützt. Das Schulgeld kostet 25 Rand im Jahr, das sind rund 3 Euro. Manche Eltern können sich auch das nicht leisten. Doch heute Nachmittag sind die Geldsorgen vergessen. Denn die Savanne groovt…

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Südafrika, unendliche Weiten. Wir schreiben den Kilometerstand 6.000 seit der Abfahrt. Das Hotel in Brandvleih erinnert mich verdammt an ´Shining`. In der Bar begrüßt man mich freundlich: „What the fuck are you doing in the fucking hottest town on earth?“ Die Antwort könnte sein: Rugby kucken. Dieses Freizeitvergnügen für Nichtweicheier läuft hier von morgens bis abends in der Glotze.

Auf der langen Fahrt gen Süden durchqueren wir das Namaqualand. Wenn hier der Winterregen fällt, verwandeln sich die weiten braunen Öden für kurze Zeit in blühende Blumenteppiche.

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Was für ein Unterschied! Vor vier Stunden befanden wir uns noch auf der Farm Gansfontein in der Ceres-Karoo. Dort muss der Farmer mit 20 Milliliter Wasser pro Quadratmeter auskommen – und das ist immer noch genug, dass er sich den Lebensunterhalt mit Hoodia-Wildsammlungen verdienen kann.

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Schon 200 Kilometer später umgeben uns Weinberge. Mittendrin finden wir die Farm von Ulrich Feiter. Hier werden im großen Stil afrikanische Heilpflanzen kultiviert und nach Deutschland und in die ganze Welt exportiert.

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Auf einmal können wir die Dimension dieses gigantischen Marktes ahnen. Gelingt es nicht, die Heilpflanzen zu kultivieren – und das ist kein Kinderspiel – gibt es sie in absehbarer Zeit nicht mehr. Deshalb laufen bei Ulrich Feiter die Arbeiten auf Hochtouren.

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Ich liebe das Internet. Heute erreichte mich eine großzügige Kleiderspende für die Buschleute in Tsumke. Ein herzliches
Vergelt´s Gott für Eure spontane Hilfe!!!

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Wir treffen Roger Chennels, den berühmten Anwalt, der als Erster Rechte der Buschmänner gerichtlich erstritt. Klar habe ich jede Menge Fragen. Manche kann Roger beantworten, andere nicht. Der ´The Bushman Case` ist ein komplexer Fall: Die KhoiSan leben hier seit 30.000 Jahren– kann man daraus eine Rechtsgrundlage ableiten? Und falls ja, ergeben sich dann Rechte auf die Schätze des Landes, von denen sich im Moment andere reichlich bedienen? 1998 gelang es Roger, den Buschmännern einen kleinen Teil ihres ursprünglichen Siedlungsgebiets gerichtlich zu sichern. Einige Jahre später setzte er eine international für großes Aufsehen erregende Einigung mit dem amerikanischen Pharmagiganten Pfizer durch. Damit macht man sich keine Freunde. Auf meine Frage, ob er sich sicher fühlt, antwortet er lächelnd: „Well, actually, I do.“

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Wir sind einer Sensation auf der Spur. In meiner Hand liegt eine kleine grüne Tablette, die das tut, was Südafrika und die ganze Welt so dringend braucht: Sie hilft HIV-infizierten Patienten. Ich unterhalte mich mit Nonhlanhla Zungu (40) und ihrer Tochter Nomfundo (9). Sie stammen aus dem kleinen Dorf Ngwelezane in KwaZulu Natal. Vor zehn Jahren entdeckte Nonhlanhla, dass sie zu den 5,5 Millionen AIDS-Infizierten Südafrikas zählt. (Das ist die offizielle Regierungszahl – hinter vorgehaltener Hand spricht man von 20 Millionen). Als ihre Tochter zur Welt kam, war sie ebenfalls HIV-positiv.

Mit am Tisch sitzen Anne Hutchings und Dr. Nigel Gericke. Anne engagiert sich auf unbezahlter Basis in KwaZulu Natal für AIDS-Infizierte, denen sonst keiner mehr hilft. Nigel widerum entdeckte die positive Wirkung von Sutherlandia frutescens gegen HIV. Diese Heilpflanze ist die Basis der kleinen grünen Tablette. Sutherlandia frutescens heißt auf Englisch „Cancerbush“, was schon einiges über die positiven Eigenschaften ausdrückt; in der Sotho-Sprache nennt man die Pflanze Lerumo-lamadi, „Blut-Speer“; die Tswana-Heiler kennen sie als Phetola, „die Pflanze, die dich ändert“. Sutherlandia frutescens ist nicht das siebte Weltwunder, welches eines Tages aus der Versenkung auftauchte. Die traditionellen Heiler Südafrikas benutzen die Pflanze schon lange gegen Fieber, Asthma, Bronchitis, Herzbeschwerden, Diabetes, Depressionen und Stress – also gegen eine ganze Latte von Beschwerden. Doch Nigel ist es zu verdanken, wenn die Welt den Wert von Sutherlandia im Kampf gegen HIV erfährt. Doch weil Undank dieser Welten Lohn ist, kämpft er bisher tapfer aber vergeblich wie Don Quichotte gegen die Windmühlen der südafrikanischen Bürokratie. Die weigert sich bisher dickköpfig, Sutherlandia frutescens anzuerkennen. Was einem nicht wundert in einem Land, dass bis vor kurzem die Existenz von AIDS-Kranken ganz verleugnete.

Aus diesem unschönen Grund gibt es bis heute keine umfassenden klinischen Studien über die Sutherlandia – doch es gibt Anne Hutchings atemberaubende Ergebnisse bei 700 HIV-Patienten. Was Sutherlandia kann, nennt mir Nigel in seiner typisch bescheidenen Art: „Take Nonhlanhla and Nomfundo“, sagt er. „They shouldn´t be here. But they still are, and they are in good health.”

Mit diesem neuen Wissen ausgestattet macht es mir besonders Freude, Dr. Gilbert Matsabisa vom staatlichen Medical Research Council auf die Pelle zu rücken. Denn das eigentliche Problem der Sutherlandia ist geradezu zynisch: Die kleine grüne Tablette ist zu billig. 5 g Sutherlandia – zwei Tabletten am Tag – genügen. Mit nur einem Euro im Monat kann man einen AIDS-Patienten mit der Heilpflanze versorgen. Schön für die Kranken, schlecht für die Pharmaindustrie. Damit ist kein Geld zu machen.

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Wir fliegen nach Port Elisabeth und fahren von dort weiter ins ehemalige Homeland Transkei. Hier startete Ulrich Feiter eines der Projekte, die wegweisend für Südafrika sein werden. Anstatt die Perlagonie auf ökonomisch einfachere Weise auf seiner Farm anzubauen, bringt er Anbau- und Erntearbeit zu den Menschen. Und schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens gehen die unkontrollierten Wildsammlungen zurück und der Bestand wird nachhaltig geschützt. Zweitens fließt bei den Xhosas Geld in die Kasse. Welches hier in Tembesa beispielsweise einem Altersheim zugute kommt – es dürfte das erste seiner Art in der Transkei sein.

Die Fahrt nach Tembesa ist abenteuerlich. Hinter jeder zweiten Kurve wartet eine Überraschung auf uns – entweder der nassen, der käfrigen oder der dickhäutigen Art.

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Zum Glück begleitet uns Kersten Paulsen. Der Namibianer arbeitet seit ewiger Zeit als Wildpflanzen-Sammler und kennt das Land wie seine Westentasche. Pro Jahr legt der Mann mit dem grünen Daumen 90.000 Kilometer kreuz und quer durch Südafrika und Namibia zurück. Die Transkei gehört zu seinen bevorzugten Zielen. Obwohl es in der beginnenden Winterzeit anders aussieht, ist das momentan so fruchtbar erscheinende Land bettelarm.

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Der Anbau von Heilpflanzen könnte im Land für Aufbruchsstimmung sorgen. Das jedenfalls hoffen Ulrich Feiter als auch Dr. Ullrich Traugott von den Spitzner-Arzeimittelwerken in Ettlingen. Er kauft in der Transkei biologisch angebaute Heilpflanzen auf und sorgt damit für einen Cash-flow direkt in die Region.

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Wir drehen bei den Xhosas die Ernte der Perlagonie. Im Moment ist die Erde feucht und die Arbeit nicht zu schwer. Doch während der achtmonatigen Trockenzeit treffen die Hacken auf Böden hart wie Beton. Das ist eine der Erfahrungen, die wir die letzten Wochen immer wieder machen: Heilpflanzen zu ernten ist kein Sonntags-Spaziergang. Kein Wunder, dass man sich bei unkontrollierten Wildsammlungen nicht die Mühe macht, die Pflanzen wieder einzusetzen und die Löcher zu schließen.

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Die Xhosas sind ein wunderbarer Volksstamm. Sehr ernst zu Beginn unseres Aufenthaltes, zeigen sie so nach und nach ihr fröhliches Gesicht. Auf einmal geht die Post ab und der Verkauf der Ernte mutiert zum kleinen Volksfest.

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Die Märkte in der Transkei sind ein besonderes Erlebnis: Überfüllt, laut, bunt, voller Gerüche, fremdartiger Pflanzen und Wurzeln. Hier versorgen sich die traditionellen Heiler mit allem, was sie für ihre Kunst brauchen. In Peddie begleiten wir Mashwabada Caga auf seiner Einkaufstour. Wäre doch eine schöne Idee, wenn sich unsere Ärzte ebenfalls auf lokalen Märkten mit Heilpflanzen versorgen könnten.

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Tatsächlich, die letzte Klappe fällt: Bei den Xhosas beenden wir unsere Dreharbeiten. Trotz der vielen Auf´s und Ab´s sind wir sehr zufrieden. Wir haben genug im Kasten für einen richtig guten Film. Jetzt gönnen wir uns ein paar Tage am Indischen Ozean, dann geht´s auch schon weiter: Nach China, nach Tibet und in die Mongolei – dort wartet der nächste Film auf uns.

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Vielen Dank an alle, die geholfen haben, Texte und Bilder auf manchmal abenteuerliche Art und Weise ins Internet zu packen. Vielen Dank an Mark Wieder und Zoran Kikic von Magic Garden in Stuttgart für ihren super Back-up Service. Und vielen Dank an Euch alle für Eure Geduld, Eure Lust am Lesen und Schauen, und für die vielen aufmunternden Mails.

I´ve been in the desert on a horse with no name, it felt good to be out of the rain. In the desert you can remember your name…

Jetzt weiß ich es ganz bestimmt: Die Wüste lebt!

Viele Grüße
Daniel
Seit einer Woche zuhause, erreichte mich gestern dieses mail:


Dear Daniel

Thank you very much! We have received the two boxes of clothes, etc. on Thursday. It is very good quality and it will definitely be used very well by the Ju'/hoansi of Tsumkwe area. Thank you for all the trouble you took to collect and get the clothes in Windhoek. Please give our thanks to the donaters also.

Best wishes

Hendrik and Elize van Zyl